News August 2018

Die Ursachen der mangelnden Abgrenzung

Wer gut für sich sorgen kann, der kann eines auch gut: Er ist in der Lage sich abzugrenzen, er ist in der Lage Ja zu sagen zu sich selbst und dem Raum, den er braucht, körperlich, geistig und seelisch. Wer sich abgrenzen kann sagt nicht Ja, wenn er Nein meint, er steht für sich selbst und seine Bedürfnisse ein, er schützt  und artikuliert sie. Das hört sich gar nicht so schwer an, ist es aber für viele Menschen. Wie oft sagen wir Ja, wo wir Nein sagen müssten, weil wir genau wissen, mit diesem, leicht dahingesagten Ja tun wir uns selbst nichts Gutes. Leicht gesagtes ja? Ja, weil das Nein viel schwerer zu sagen wäre. 

Warum ist das so? Woran liegt es, dass ein Mensch sich nicht abgrenzen kann?

Der Urgrund für die Unfähigkeit uns abzugrenzen liegt in unserer Biografie. Ein Umfeld in dem die kindlichen Grenzen massiv überschritten werden, in dem es genötigt wird Dinge zu tun, die es nicht tun will, legt den Grundstein dafür, dass das Kind nicht lernt seine Integrität zu wahren. Wer als Kind mit Erwachsenenmacht, bis hin zum Missbrauch, konfrontiert wurde, erlebt Grenzüberschreitung. Dazu gehört auch der scheinbar harmlose Satz: „Du musst lieb sein.“

Kinder, die Grenzverletzungen erfahren haben, lernen nicht die eigenen Grenzen überhaupt wahrzunehmen. Sie verinnerlichen Übergriffigkeit als etwas, das zu ihrem Lebensgefühl gehört. Obwohl sie spüren, dass da etwas nicht stimmt, denn es fühlt sich ungut an, ja sogar bedrohlich, wenn Grenzen seelisch oder körperlich immer wieder verletzt werden, fehlen Ihnen die Mittel, um sich als kleiner Mensch gegen die Großen zur Wehr zu setzen. Jede Form von Übergriffigkeit ist ein gewaltsames Eindringen in die kleine Seele. Sie schreit innerlich. Es ist ein erstickter Schrei, der nicht hinaus darf, der stecken bleibt und sich verwandelt, in ein Gefühl von Ohnmacht. Ich kenne dieses Gefühl. Noch heute, wenn mir jemand körperlich oder seelisch zu nahe tritt, kommt es hoch. Dann spüre ich es wieder, dieses erstickte Nein und es aussprechen ist eine Überwindung, die mir noch immer nicht leicht fällt. Aber, wann ist es mir zu nah? Wann erwartet jemand etwas von mir, was ich nicht erfüllen will. Es ist schwer, das im selben Moment zu erkennen. Und selbst wenn ich es erkenne und spüre, das will ich jetzt nicht, ist es schwer das auch zu artikulieren. Der Versuch auf die eigene Grenze hinzuweisen, löst Schuldgefühle aus, er löst das Gefühl aus, das darf ich nicht. Heute weiß ich - weil dieses Nein nicht erlaubt war, als ich Kind war. Menschen, die sich schwer abgrenzen können fehlt Selbstsicherheit.  Sich seiner selbst sicher sein, dazu gehört die Fähigkeit, uns unserer eigene Bedürfnisse bewusst zu sein, sie aussprechen und zu leben. Die Fähigkeit uns abzugrenzen gehört zu einer gesunden sozialen Kompetenz. Diese soziale Kompetenz ist ein Entwicklungsprozess. Sie basiert auf Lernerfahrungen, welche jene, die sich nicht oder nur schwer abgrenzen können, nicht machen durften. Wer als Kind Grenzüberschreitungen erlebt hat, dem fehlt ein stabiles Selbstwertgefühl. Er hat sich als wertlos erlebt, so wertlos, dass man sein Selbst nicht achtete. Seine Erfahrung ist die des Machtlosen in einer Abhängigkeitsbeziehung von Erwachsenen, der Schritt in Selbstständigkeit und Autonomie, ein wesentlicher Schritt für das Selbstwertgefühl, konnte nicht gemacht werden. Sich selbst gestalten, den eigenen Impulsen nachzugehen, ohne Schuldgefühle, selbst wenn die Eltern davon nicht begeistert waren, wurde nicht erlernt. Doch genau diese Lernerfahrung ist die entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung einer selbstbewussten und selbstsicheren Persönlichkeit. Schon kleine Kinder brauchen einen eigenen geschützten Raum und Dinge, die für andere unantastbar sind. Wenn diese Individualbereiche, diese Grenzen, in der Erziehung nicht respektiert wurden, fällt es ihnen später schwer sie zu schützen oder gar zu erkennen. 


Ein Kind, das nicht es selbst sein darf, das sich nicht seinem Wesen entsprechend entfalten darf, verliert das Gefühl für sich selbst. Es dissoziiert, es spaltet das Unerträgliche ab, eben weil es unerträglich ist, es zerbricht in Stücke, die innere Stabilität seines kleinen inneren Hauses zerbirst, es kennt sich nicht mehr aus, weiß nicht wer es ist und wer es nicht ist. Es verliert das Gefühl für sich selbst. Jedes Kind will geliebt werden, darum wird es die Wünsche der Eltern zu erfüllen suchen und sogar Übergriffe ertragen. Das erklärt auch warum misshandelte und missbrauchte Kinder nicht von ihren Eltern weg wollen - sie lieben sie, auch wenn diese Liebe sie zerstört, es ist die einzige, die sie haben. Sie zählt mehr als alles und mehr als Selbstschutz. Die Eltern zu verlassen, die Liebe zu den Eltern zu verlieren, würde für diese Kinder den Sturz ins Bodenlose bedeuten. 

Die Fähigkeit zur Abgrenzung ist die Vorrausetzung für Selbstschutz. 

Ich möchte das nicht, klingt einfach. Doch allein dieser Satz führt bei vielen, die sich schlecht abgrenzen können, zu einem schlechtem Gewissen. Selbstwertgefühl und das daraus erwachsende Gefühl von Selbstsicherheit, ist zu wissen wer wir sind, was wir brauchen und damit die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse und Rechte auszusprechen und zu leben. Einem Menschen aber, dessen Widerstandskraft früh gebrochen wurde gelingt es nur schwer für sich einzustehen. Er hat eine Vulnerabilität, die ihn hochempfindlich macht, im Hinblick auf psychische Belastungen und im Hinblick auf das Nein sagen, denn auch das wäre für ihn eine psychische Belastung. 

Sie, die selbst verletzt wurden, wollen niemanden verletzen und tun es doch. Darin liegt die Paradoxie des erlernten Musters. Sich nicht abgrenzen können und selbst die Grenzen anderer zu überschreiten, das ist die andere Seite der Medaille. Wer Übergriffigkeit und Grenzverletzung erfahren hat, hat dies als Introjekte verinnerlicht. Er neigt selbst dazu unbewusst die Grenzen des anderen zu überschreiten. Introjekte sind Eigenschaften der Eltern. Als Kind übernehmen wir diese. Die Folge – wir behandeln uns als Erwachsene genauso, wie es die Mutter oder der Vater getan haben. Und wir suchen uns instinktiv andere, die uns ähnlich behandeln.

Abgrenzung ist demnach ein Kraftakt gegen die eigene Konditionierung und die unbewusst verinnerlichten Introjekte.
  
Dazu kommt: Das fehlende Selbstwertgefühl, die mangelnde Selbstsicherheit führen letztlich zum mangelnden Vertrauen, das Leben allein und autonom bewältigen zu können. Daher kommt der Impuls ständig die Erwartungen anderer Menschen erfüllen oder sogar erspüren zu müssen. Die zur Abgrenzung Unfähigen ertragen vieles aus der Angst heraus eine komplette Ablehnung ihres Menschseins zu erfahren. Eine Erwartung nicht zu erfüllen gibt ihnen das Gefühl, „ich bin ein schlechter Mensch“, sie fühlen sich schuldig, wenn sie Nein sagen sollten. Sie ertragen keine Zurückweisung und es fällt ihnen selbst schwer andere zurückzuweisen.

Was uns als Kind vertraut war kennen wir am Besten. 

In einer Art Wiederholungszwang versuchen wir daher als Erwachsene Vertrautes wiederherzustellen auch und paradoxerweise gerade, wenn es ungut war. Aber es ist uns vertraut. Wer Grenzverletzung erlebt hat, signalisiert als Erwachsener: Du darfst meine Grenzen zu überschreiten. Er signalisiert Schwäche, die andere instinktiv spüren und ausnutzen. Und wieder und wieder wird erlebt, was als Kind erlebt wurde. Ein Teufelskreis.

Grenzüberschreitungen haben mit Nähe zu tun, mit einem sehr nahe, einem zu nah.
  
Echte Nähe aber ist etwas anderes, sie basiert auf einem gegenseitigen Entgegenkommen und ist niemals einseitig. Nähe bei einer Grenzüberschreitung macht Angst. Ein Kind, das von seinem Vater oder der Mutter wider Willen ständig geknuddelt wird, das immer wieder die elterlichen Bedürfnisse nach Nähe erfüllen muss, erlebt keine echte Nähe, es erlebt einen Übergriff. Und es wird später Angst vor jeder Art von Nähe haben, die es sich nicht von sich aus wünscht und zulassen will. Dass diese Menschen Schwierigkeiten nicht nur mit sich selbst, sondern auch in Beziehungen haben, ist nicht verwunderlich. Sie tanzen mitunter lebenslang die Schritte, die man ihnen beigebracht hat. Ein Tanz, der von einer extremen Nähe -und Distanz - Choreografie lebt, ein Tanz, dem ihm das Dahingleiten, die Leichtigkeit des Seins, fehlt. Der erste Schritt ist, wie immer, sich bewusst zu machen welcher Choreografie wir folgen und uns zu beobachten, wie wir uns dabei fühlen. Sicher werden wir dann nicht sofort Nein sagen können, wo wir Nein meinen, aber wir werden achtsamer unserem leicht dahin gesagten Ja gegenüber, achtsamer auf unsere eigenen Grenzen.

 

Die Methode der Selbstintegration nach Dr. Langlotz hilft wieder Verbindung zum eigenen Selbst herzustellen und Fremdes Abzugrenzen.

Ein von mir entwickeltes Systemisches Atom( Seelenbild) zeigt von wem oder durch was euer eigenes Selbst belegt ist, was muss ich abgrenzen um ein autonomes Leben führen zu können.

 

Brigitte

 

News Juli 2018

Symbiose

 

Von Menschen, die symbiotisch sind, höre ich oft folgende Sätze:

-Ich bin schon lange nicht mehr ich selbst.

-Ich kann mich nicht fühlen.

-Ich verliere mich in den Beziehungen zu anderen Menschen.

-Wer bin ich eigentlich?

-Ich kann mich nur schwer abgrenzen.

-Kümmere mich immer um Andere.

-Ich habe körperliche Beschwerden

-Ich fühle andere immer mehr als mich selbst.

-Ich sehne mich danach, ich selbst sein zu können.

-Ich leide unter der schlechten Verfassung meiner Mitmenschen.

-Ich fühle mich schwer, müde, handlungsunfähig und belastet, kann nicht aufhören zu weinen, bin nervös, schnell wütend, kann nicht schlafen, kann mich nicht entspannen …

-Ich brauche Drogen oder Medikamente, um mich gut fühlen zu können.

 

    In einer Symbiose verbinden wir uns mit dem unverarbeiteten Schicksal unserer Eltern, Großeltern oder einer anderen nahestehenden Person. Wir identifizieren uns mit ungelösten Gefühlen, erleben dann das ‚Fremde‘ (fremde Gefühle) als unser ‚Eigenes‘. Das ‚Fremde‘ nimmt den Platz unserer eigenen Gefühle ein, es überlagert sie ganz oder teilweise. Als Reaktion darauf, werden wir, je nach Temperament: schwer, handlungsunfähig, unsicher, unruhig, gereizt oder wütend. Unverarbeitete Gefühle, wie Trauer, seelischer Schmerz, Angst, Schock, Sog ins Jenseits, Schamgefühle, Schrecken oder Entsetzen (auch ein Gemisch aus diesen Gefühlen), können hier eine Rolle spielen. Diese Gefühle wurden von unseren Vorfahren nicht verarbeitet, sondern verdrängt, abgespalten oder tabuisiert. Menschen, die symbiotisch sind, verbinden sich meist unbewusst mit diesen Gefühlen und nehmen sie in sich auf. 

    Was ist was? – Gefühle unterscheiden lernen:

     

    Solange nicht erkannt und gefühlt werden kann, was das ‚Eigene‘ und was das ‚Fremde‘ ist, kann der Mensch keine Erleichterung und Heilung finden. Wenn das ‚Fremde‘ erkannt und abgelöst wurde, kann derjenige wieder zu sich selbst werden, frei und selbstbestimmt leben.

     

    Was tun?

    Menschen, die symbiotisch sind oder es ständig werden, können folgendes tun:

    1. Erkenne/spüre, mit wem du seelisch verbunden bist

    2. Löse dich von dem fremden Schicksal (dafür habe ich tief gehende Rituale entwickelt)

    3. Werde du selbst

    4. Lerne, dich abzugrenzen

    Da Kinder sich nicht auf diese Weise helfen können, weil ihre Persönlichkeit noch nicht entsprechend entwickelt ist, ist es hier wichtig, heraus zu bekommen, mit welchem Elternteil das Kind symbiotisch ist . Dieser kann dann an seinem Trauma, Schmerz usw. oder an seinem eigenen symbiotischen Verhalten arbeiten, um das Kind zu entlasten. (Auf diese Weise habe ich inzwischen mit einigen Eltern gearbeitet und die Kinder wurden ruhiger, konzentrierter, gesünder und wieder mehr sie selbst.) 

    Von Natur aus miteinander verbunden …

    Das Wort ‚Symbiose‘ bedeutet: zusammen leben. Das hört sich ganz harmlos an. In unserem Alltag können wir ‚zusammen leben‘, ohne uns mit dem Schicksal anderer Menschen zu belasten. Das würden wir im psychologischen Sinne jedoch nicht als Symbiose bezeichnen. Das Zusammen-Leben ist auch nicht die Voraussetzung für eine Symbiose. Ich habe schon mit Menschen gearbeitet, die einen Elternteil in jungen Jahren verloren haben und trotzdem seelisch mit dessen Schicksal verwoben und dadurch beschwert waren, einfach weil sie dem Elternteil nah sein wollten. 

    Ich würde sagen, dass die Ursache von belastenden Symbiosen in unserer eigenen Natur liegt. Wir Menschen haben tief in uns eine natürliche Verbundenheit miteinander. In unserer Familie ist diese besonders stark ausgeprägt, jedoch zieht sich diese Verbundenheit in Wirklichkeit über die ganze Menschheit hinweg. Miteinander verbunden zu sein, ist unserer natürlicher Zustand. Erst unsere Persönlichkeit sorgt dafür, dass wir uns als getrennt von den anderen Menschen wahrnehmen und erleben. Unsere Persönlichkeit identifiziert sich, sie ist jemand, sie hat Überzeugungen, eine Geschichte, Erfahrungen, Vorlieben, Abneigungen, Prägungen, Überlebensstrategien, Schutzmechanismen, Absichten, Motivationen, Abspaltungen und Bewertungen. Das macht uns zu einer konditionierten gefestigten Persönlichkeit. 

    Um jedoch frei, gesund und selbstbestimmt sein zu können, braucht unsere Persönlichkeit oft einen Wandlungsprozess, der ihr hilft, in ihre natürliche Form zu kommen. Hier werden Symbiosen gelöst, alte Gefühle und Traumata geheilt, Überzeugungen in Frage gestellt und sich auf die Suche nach dem ganz ‚Eigenen‘ gemacht.

    Warum werden manche Menschen (Kinder) symbiotisch und sind belastet und andere nicht?

    Wer mehrere Kinder hat, der weiß aus eigener Erfahrung, dass jedes Kind anders ist. Das eine hat ein großes Herz und spürt alles, das andere ist sehr sensibel und spürt noch mehr und dann gibt es da eins, das ist so bei sich, dass die Gefühle anderer oder die Atmosphäre keinen großen Einfluss zu haben scheinen. Das sind die bodenständigen Kinder, die, mit der guten Verbindung zum Physischen. Für sie ist essen, schlafen und Körperkontakt sehr wichtig.

    Wenn wir durch symbiotisches Verhalten belastet sind, dann bringen wir meist entsprechende Neigungen mit, die dies begünstigen:

    • Liebende Menschen wollen mit allem um sich herum gut fürsorglich und liebend verbunden sein. Sie erleben sich und ihre Umwelt aus dem Herzen, aus den Gefühlen heraus. 

    • Sehr sensible Menschen erleben sich und ihre Umwelt aus ihrer Sensibilität und aus einer feinen Wahrnehmung heraus. Sie haben eine gute Verbindung zu den feinen geistigen Bereichen, die nicht nur Gefühle, sondern auch feinste Schwingungen und Informationen selbstverständlich mit einbeziehen. 

    • Bodenständige Menschen erleben sich und ihre Umwelt vor allem aus der körperlich-handelnden Perspektive heraus und sind dadurch am wenigsten anfällig für Symbiosen. 

    Für Menschen, die symbiotisch sind, ist es wichtig, abgegrenzter zu sein: 

    • Im körperlichen Bereich ist es am klarsten, denn dieser Bereich ist von Natur aus getrennt. 

    • Im emotionalen Bereich ist es das Sich-Automatisch-Verbinden (vor allem mit Leidvollem), das Helfen-Wollen und das Entlasten-Wollen, was genau unter die Lupe genommen werden muss. 

    • Und im sensitivem Bereich ist das Ankommen im physischen Körper sehr hilfreich und das verstärkte wahrnehmen des ‚Eigenen‘ notwendig, um besser abgegrenzt sein zu können.

    Wir Menschen existieren natürlich in all diesen Bereichen. Wir sind geistig, seelisch und körperliche Wesen. Jeder Mensch fühlt sich jedoch zu ein bis zwei Bereichen besonders stark hingezogen, hält sich dort mehr auf. Das, was wir da bevorzugen, scheinen wir Menschen als Prägung bereits mitzubringen. Bei Kindern kann ich das oft ganz deutlich wahrnehmen. 

    Voraussetzung ist, es gibt etwas Belastendes in der Familie …

    In Familien, in denen negative Gefühle und Traumatisierungen abgespalten, verdrängt, nicht verarbeitet und tabuisiert werden, können diese von den nachfolgenden Generationen mitgetragen werden. Abzuspalten und zu verdrängen ist für viele Menschen jedoch absolut lebensrettend und trägt zur Stabilisierung des Menschen bei. Schicksale müssen nicht verarbeitet werden. Viele traumatisierten Menschen tragen ihr schweres Schicksal mit viel Kraft und Lebenswille bis ins hohe Alter. Für die Nachkommen ist nur wichtig zu wissen: egal, was in meiner Familie passiert ist, ich bin in erster Linie dafür verantwortlich, ob mich schweres Schicksal aus der Familie belastet oder nicht.

     

    Wir wollen von Natur aus Verbundenheit und suchen diese von Anfang an natürlich bei unseren Eltern. Fälschlicherweise identifizieren wir uns dann oft mehr mit dem, was nicht zu uns gehört, anstatt mit uns selbst. Das von mir entwickelte systemische Atom( Beziehungsgeflecht sichtbar dargestellt) zeigt auf ob ich mit mir verbunden bin oder fremdes in mir wirkt, durch das Erkennen der Verstrickung, über die Identifikation des ‚Fremden‘ (das, was ich da fühle, bin ich nicht), hin zur Identifikation mit dem ‚Eigenen‘, können wir wieder in ein kraftvolles, freies, gesundes und selbstbestimmtes Leben kommen.

     

    Eure Brigitte

    News Mai 2018

    Fehlendes „ ICH“

    Wenn Menschen mit Besonderheitsansprüchen nicht bekommen, was sie wollen und das ist oft nicht weniger als uneingeschränkte Aufmerksamkeit, dann werden sie, wenn sie ihre Ansprüche offen formulieren wütend und wenn sie sich das nicht trauen, krank und hilflos, in einer Weise, die oft in Richtung emotionaler Erpressung geht. Das ist nicht gespielt, in dem Sinne, dass man das mit Vorsatz macht, sondern eine Reaktion der Not, Ohnmacht und auch der Unwissenheit. Die Gefühle der Panik oder Ohnmacht sind schon echt, wenn auch nicht ganz klar ist, worum es gehen soll. Oft in Richtung: „Sei einfach für mich da, lass‘ mich nicht im Stich und nicht alleine.“ Das ist natürlich oft eine Forderung von Menschen, die sehr genau wissen, wie es ist, in wichtigen Situationen, wenn man Hilfe und Beistand bräuchte oder gebraucht hätte alleine gelassen zu werden.

    Zwar müssen wir die meisten Situationen so oder so alleine durchstehen, aber die Frage ist, wie unser jeweiliger emotionaler Hintergrund aussieht. Haben wir vermittelt bekommen, dass wir um unser selbst willen geliebt werden und nicht für unsere Leistungen, dass es immer jemanden gibt, zu dem dem wir zurück kehren können, dann überstehen wie auch Abnabelungen gut und haben hinreichendes Selbstvertrauen, aber es gibt Menschen, die all das nie erfahren durften und um die sich schon als Kind niemand gekümmert hat.

    Dass diese Menschen nun irgendwann und endlich erfahren und erzwingen wollen, was als Kind angemessen gewesen wäre, ist so rührend, wie verständlich und doch in der Zeit verrutscht. Anklammern ist nun die falsche Strategie, auch wenn es im Leben von Menschen mit Ich-Schwäche Phasen gibt, in denen sie sich nicht vorstellen können, nicht einmal vorstellen, dass sie je etwas alleine hinbekommen können.

    Die offensiv Ich-Schwachen sind vollkommen entrüstet, wenn man ihnen nicht den gebührenden Respekt entgegen bringt. Es kommt auf die Situation an, ob sie das schwer verunsichert oder sie das einfach in gewohnter Weise dadurch lösen, dass der andere nun unten durch ist.

    Eine letzte und bekannte Form der mangelnden Impulskontrolle liegt vor, wenn Menschen schnell an die Decke gehen und immer wieder zu Wutausbrüchen oder hoch dramatischen Szenen neigen. Auch hier finden wir ein Ich, was sich schnell bedroht, missverstanden und angegriffen fühlt.

    Angst vor Verantwortung

    Menschen mit Ich-Schwäche haben in aller Regel große Probleme mit ihrem Alltag. Einfache Aufgaben, die für die meisten Menschen normal und nicht mal der Rede wert sind, bedeuten für sie immensen Stress. Das intensiviert sich in aller Regel noch einmal, wenn sie darum gebeten werden, etwas für andere zu tun. Das nicht, weil sie egozentrisch wären – was sie oft, aus der Not heraus, tatsächlich sind – sondern, weil die Verantwortung, die sie für andere übernehmen, sie fast zerreißt. Manchmal kaum in der Lage für sich selbst zu sorgen, wird nun erwartet, dies auch noch für andere zu tun und das ist mit riesigen Angstphantasien darüber besetzt, was passiert, wenn etwas schief geht. Nie wird der andere anerkennen können, dass man sich, im Falle eines Versagens, bemüht hat, immer wäre er in der Phantasie maßlos enttäuscht und könnte nie wieder verzeihen, was eine projektive Identifikation ist, es ist die eigene Aggression, die man hier zu erkennen glaubt, freilich ohne sie bei sich zu erkennen. Natürlich möchte man eine solche Kleinigkeit nach Möglichkeit auch nicht ausschlagen, denn auch das müsste unvermittelt Wut bis zum Kontaktabbruch nach sich ziehen, aus eben erwähnten Gründen. Also gibt es in der Praxis oft ein fürchterlich konfuses Gemurkse auf hohem Stresslevel.

    Anders geht der grandios ich-schwache Mensch mit dem Thema um. Irgendwo zwischen Versagensangst und Übermut, zwischen „merkt hoffentlich keiner“ und „merkt schon keiner“. Oft ist ein ich-schwacher Mensch hier aber von immensem Ehrgeiz getrieben und kann auf seinem Gebiet gut sein, wenn auch die Tendenz zur Selbstüberschätzung gegeben ist. Verantwortung wird hier oft nicht ernsthaft übernommen, weil der einzige Mensch, der wirklich interessiert oft der Betreffende selbst ist und solange nichts auffliegt, falls man Verantwortung für andere hat, lässt man schon mal Fünfe gerade sein. Ein Hang zur Korrumpierbarkeit, bei dem sich für andere eher dann interessiert, wenn es eigenen Interessen nutzt, in dem Perfektion einfordert, aber nicht bietet.

    Zermürbende Schuld- und Schamgefühle

    Der Grund für die emotionalen Turbulenzen, die Bitten anderer oft auslösen, sind neben der Angst vor Verantwortung oder mit dieser gemischt, massive Gefühle der Scham oder Schuld. Zum einen das Schamgefühl versagen zu können oder versagt zu haben, was so intensiv empfunden wird, dass man das Gefühl hat das Gepött der Menschheit zu sein und sich nie wieder irgendwo blicken lassen zu können, ohne, dass andere sich den Mund zerreißen.

    Wenn es nicht mehr so sehr um den eigenen Gesichtsverlust geht, kann das quälende Gefühl aufkommen vollkommen versagt und damit eine nie wieder gut zu machende Schuld auf sich geladen zu haben. Dass andere einem verzeihen könnten, ist kaum vorgesehen, wieder aus Gründen der projektiven Identifikation, man selbst kann es auch nicht und da man sich höchstens vorstellen kann, dass jemand so tut als würde er verzeihen, weil das erwartet wird, ohne, dass er tatsächlich ein vergebendes Gefühl hat, kann man nicht empathisch sein mit dem Gefühl echten Verzeihens. Man kann sich nicht vorstellen, was man nicht kennt.

    Der grandiose Mensch mit Ich-Schwäche hat auch Angst vor der maßlosen Wut des anderen (die er ihm unterstellt) und bagatellisiert das Geschehene daher oftmals. Ist doch nichts passiert und wenn, soll der andere sich nicht so anstellen, es gibt schließlich Schlimmeres. Solange ich den anderen klein halte, kann er mir nicht gefährlich werden und so kommt es zu der merkwürdigen Tendenz ihm die eigentliche Schuld für das eigene Versagen zu geben, ein gar nicht so unbekanntes Gesellschaftsspiel.

    Eure Brigitte